14 August 2010 /
Filmkritik /
Drama /
2009 Großbritannien
Seine Haare sind so grau wie das Leben von Harry Brown, nicht erst seit dem Tod seiner Frau verbringt der Pensionär einen tristen Alltag in einem der heruntergekommenen Wohnblöcke von London. In der Nachbarschaft treibt eine Bande von Halbstarken ihr Unwesen, handelt mit Drogen und Waffen, verbreitet Angst und Schrecken mit sinnloser Gewalt. Eines ihrer Opfer ist Leonard, der letzte verbliebene Freund von Brown, der sich im Angesicht der ständigen Bedrohung und der Untätigkeit der Behörden nicht mehr zu helfen weiß. Kurz darauf wird er tot aufgefunden, brutal niedergestochen mit seinem eigenen Messer. Die Polizei geht daher von Notwehr in Verbindung mit Totschlag aus, kann den Täter unter den verdächtigten Jugendlichen aber sowieso nicht ausmachen. Für Brown ist das Fass damit voll, er nimmt die Sache selbst in die Hand.

Diese Reaktion ist durchaus glaubwürdig, denn von der ersten Minute an gelingt es dem Film, den beständigen Terror, die Trostlosigkeit und Verzweiflung in der Wohnsiedlung eindrucksvoll darzustellen. Allerdings löst sich diese Atmosphäre schnell auf, denn nach der intensiven Einleitung wird kaum mehr etwas geboten. Für eine Charakter- wie auch eine Milieu-Studie bleibt „Harry Brown“ viel zu oberflächlich, stattdessen rückt der Rachefeldzug des Protagonisten in Gestalt lahmer, wenn auch blutiger Gewalt in den Mittelpunkt. Das Interesse flaut daher schnell ab, denn das Drehbuch hat auf keiner Ebene etwas zu bieten. Die Figuren bleiben trotz interessanter Ansätze und spannender Szenen absolut uninteressant, die Handlung versucht ihre Linearität nicht einmal zu verbergen.
Das Ausbleiben von Wendungen resultiert nicht nur in Langeweile, auch seine vollkommen einseitige Darstellung der sozialen Umstände zieht der Film konsequent durch und fügt ihr kaum ein Wort mehr hinzu. Viel mehr instrumentalisiert er sie und steigert sich in wütenden Krawall, um dem Zuschauer doch noch eine emotionale Reaktion abzugewinnen. Von einer sensiblen Zeichnung der Realität, von einem kritischen Blick auf verbreitete Klischees fehlt dabei jede Spur – ohne mit der Wimper zu zucken präsentiert „Harry Brown“ sein simples Weltbild und eine fragwürdige Schlussfolgerung. Damit verleiht sich das Drehbuch nicht nur einen miserablen Beigeschmack, es vergibt auch viel Potenzial; bei aller Kritik ist die Handlung nämlich in tatsächlichen Problemen verwurzelt, greift diese aber auf sehr simple, ärgerliche Art auf.

Umso erstaunlicher, dass es sich beim Hauptdarsteller um ein Schwergewicht handelt. Das bisschen Leben, das dem Film bei all seinen Problemen bleibt, erhält er von Michael Caine, der offensichtlich durch die einfache Zeichnung seiner Figur eingeschränkt wird, dem Protagonisten aber zumindest Würde und Glaubwürdigkeit verleiht. Die Darsteller in den Nebenrollen sind nicht weiter bemerkenswert, unter ihnen enttäuscht gerade Emily Mortimer als ambitionierte Polizistin auf ganzer Linie. Recht gelungen ist hingegen die Inszenierung von „Harry Brown“: Mit tristen Farben und einem dunklen Stil vermittelt sie einen guten, stimmungsvollen Eindruck der Situation im Wohnblick. Vor Sex und Gewalt werden dabei nicht die Augen verschlossen, letztere wirkt stellenweise aber doch etwas übertrieben.
Viel kann man dem Film letztlich nicht zugutehalten, die durchschnittliche Inszenierung und ein einziger guter Schauspieler reichen jedenfalls nicht, um die massiven Probleme vergessen zu machen. Ein Gefühl für die Situation kann der Film zu Beginn erzeugen, in seinem weiteren Verlauf enttäuscht er bei der Ausarbeitung von Figuren und Handlung aber so sehr, dass jegliches Interesse schnell verschwindet. Der Name lässt eine Charakterstudie erwarten, der Protagonist bleibt aber blass; das Potenzial der Kulisse und ihrer Hintergründe wird nicht im Ansatz genutzt. Stattdessen beschränkt sich „Harry Brown“ auf einen langweilen Rachefeldzug, der ganz sicher nicht wegen seinem Verlauf, nur mit seinem dümmlichen Weltbild überrascht. Selbst als kalkulierte Provokation geht das nicht in Ordnung, der schlechte Gesamteindruck überwiegt.
4 August 2010 /
Filmkritik /
Thriller /
2010 Frankreich
Adam Lang möchte seine Memoiren über die Zeit als britischer Premierminister veröffentlichen, doch der damit beauftragte Ghostwriter stirbt unter seltsamen Umständen. Ein Nachfolger ist schnell gefunden, der den lukrativen Auftrag übernimmt und an die Ostküste der Vereinigten Staaten reißt; dort soll er das halbfertige Werk zusammen mit dem Politiker in dessen abgelegenen Ferienhaus vollenden. Doch Lang wird von seiner politischen Vergangenheit eingeholt, seine Rolle im Irakkrieg wird vom internationalen Strafgerichtshof untersucht, das ruhige Domizil von Aktivisten und den Medien belagert. Der Ghostwriter findet sich inmitten einer politischen Affäre wieder und muss unter verschärften Bedingungen arbeiten. Seine Recherchen führen ihn zu Ungereimtheiten und lassen ihn einen kritischen Blick auf die Biographie von Lang, auf dessen Ehefrau und den Tod seines eigenen Vorgängers werfen.

Wie ein gewöhnlicher Polit-Thriller funktioniert der Film allerdings nicht, im Mittelpunkt stehen nämlich nur einige wenige Personen, die zudem in einer relativ abgeschotteten Umgebung agieren. Die Handlung profitiert davon, denn mit viel Ruhe, ohne Ablenkungen werden die glaubwürdigen Figuren und ihre Beziehungen zueinander ausgearbeitet. Im Grunde wird dabei ausschließlich geredet, da die Dialoge sehr gut geschrieben sind und sich Stück für einige Merkwürdigkeiten abzeichnen, entwickelt „Der Ghostwriter“ aber einen ungemeinen Sog. Denn trotz der gemächlichen Erzählweise kommt kein Leerlauf auf und fesselt die Geschichte mit ihrem klugen Aufbau, guten Wendungen und spannenden Verlauf; nur zwei der Wendungen zum Schluss wirken etwas abgedroschen und unnötig.
Nicht nur breitet der Film einen gewichtigen Stoff damit sehr bekömmlich auf, er begegnet auch seiner Thematik auf interessante Weise. Die Parallelen der Handlung zu Ereignissen der letzten Jahre, die Ähnlichkeit von Adam Lang und Tony Blair drängen sich nicht auf, sind aber erkennbar. Auf dieser Basis konstruiert „Der Ghostwriter“ eine spannende, realistische Fiktion und gibt einen bitterbösen Kommentar zur britischen Außenpolitik ab. Was die Geschichte neben dieser inhaltlichen Prägnanz auszeichnet, ist ihre markante und dichte Atmosphäre. Bereits das Wissen um den seltsamen Todesfall sorgt für ein flaues Gefühl, die Stimmung auf der Insel ist unpersönlich und kühl, in einigen Szenen steigert sich dies bis zu einer gesichtslosen Bedrohlichkeit. Auf emotionale Höhepunkte wird konsequent verzichtet, die vielen Ungewissheiten halten auch so bei der Stange.

Zurückführen lässt sich dieser schlüssige Eindruck vor allem auf die stilvolle Inszenierung, auf ihre kunstvolle Ruhe, die kalten Farben und die sehr elegante Kameraarbeit. Die Kulissen traben ebenfalls dazu bei: Das generell düstere Wetter, dichte Wälder und sogar die seelenlose Architektur sorgen für Beklemmnis. Nie aus dem Fokus geraten dabei die Darsteller, die „Der Ghostwriter“ scheinbar mühelos tragen. Gerade Ewan McGregor macht seine Sache sehr gut, denn obwohl nicht viel zu seiner Rolle gesagt wird, nicht einmal der Name, gibt er den investigativen Autor doch äußerst glaubwürdig. Mit ihm auf Augenhöhe spielt Olivia Williams als eisige, undurchschaubare Ehefrau von Lang. Der ehemalige Premierminister selber wird hingegen weniger eindrücklich dargestellt, Pierce Brosnan fehlt es bei allem Zynismus ein wenig an der Größe, die einen Staatsmann auszeichnen sollte.
Dem Film schadet das nicht weiter, insgesamt hinterlässt er einen sehr runden Eindruck. Für seine interessante Handlung, die starken Dialoge und Figuren nimmt er sich viel Zeit, und was anderswo als unangenehme Behäbigkeit aufstoßen würde, fühlt sich hier sehr stimmig an. Nervenkitzel und Action braucht es dafür kaum einmal, denn das Drehbuch unterhält mühelos auf seine ganz eigene, unaufgeregte und deswegen ungewohnte Art. Die sehr guten Darsteller und die schicke Inszenierung tun ihr Übriges, dass „Der Ghostwriter“ nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern von Beginn an auch mit seiner Atmosphäre in den Bann zieht. Wie sich die Ereignisse an der historischen Realität orientieren und welches Bild von dieser gezeichnet wird, ist dabei nur eine Randnotiz, wenn auch eine gelungene. Einzig das Ende hat einen etwas faden Beigeschmack, bis dahin handelt es sich aber um sehr gelungene Unterhaltung.
1 August 2010 /
Filmkritik /
Science Fiction /
2010 USA
Wenn Cobb und seine Kollegen zuschlagen, dann schlafen ihre Opfer. Mit Hilfe einer Apparatur verbinden sie sich mit dessen Unterbewusstsein, werden Teil seiner Träume, formen diese und kommunizieren darin. Diese Methode gewährt Zugriff auf versteckte Gedanken, auf diese Art lassen sich geheime Informationen gewinnen, mit dieser Form der Wirtschaftsspionage verdienen die Verbrecher ihr Geld. Ihr neuer Auftrag erfordert allerdings nicht die Gewinnung von Material - im Gegenteil: Diesmal sollen Cobb und sein Team einem Unternehmer eine Idee in den Kopf setzen, auf dass der aus eigenem Antrieb sein Imperium zerschlägt. Als Belohnung winkt für den Meisterdieb die Aufhebung seiner Haftbefehle und die Rückkehr zu seiner Familie. Die Truppe beginnt daher damit, zusätzliche Helfer zu rekrutieren und einen hochkomplexen Plan zu entwerfen.

Die Vorbereitungen von Cobb nutzt das Drehbuch, um mit viel Ruhe und sehr anschaulich seine abstrakten Konzepte zu erklären, die Figuren vorzustellen und den Grundstein für das große Verbrechen zu legen. Erst in seiner zweiten Hälfte kommt der Film in Fahrt, begeistert mit einer verworrenen Handlung, spielt zeitweise auf einer ungeheuerlichen Zahl von Eben und bleibt dank der ausführlichen Vorarbeiten doch immer verständlich. Ein Segen ist dabei, dass die Geschichte geradlinig, nie unnötig kompliziert verläuft, mit viel Präzision und strukturiert erzählt wird und einen sehr guten Rhythmus aus umfangreichen Gesprächen und kurzweiliger Spannung findet. Diese nahtlose Verbindung von Komplexität und Unterhaltung macht “Inception” zu einem beeindruckenden Erlebnis, das vom Zuschauer die volle Aufmerksamkeit einfordert und anstrengt, diese gedanklichen Mühen aber reich belohnt.
Eine besondere Freude ist das seltene, deshalb wertvolle Gefühl, etwas absolut eigenständiges zu sehen, das inhaltlich neue Pfade beschreitet und sich nicht an Konventionen hält. In dieser Hinsicht erinnert der Film an die “Matrix”-Trilogie, rüttelt ebenfalls mit beiden Händen an den Grundfesten der Realität, stellt sie in Frage, macht Konstanten wie Zeit und Schwerkraft zu vollkommen relativen Größen. Diese Gedankenspiele geben über die Geschichte hinaus nicht viel her, sind in deren Kontext aber absolut stimmig, lassen eine Vielzahl von Interpretationen zu und spicken “Inception” mit originellen Überraschungen und faszinierenden Einfällen. Diese kreative Masse bedingt allerdings auch, dass andere Dinge nur oberflächlich behandelt werden können, in erster Linie die Hintergründe der thematisierten Techniken und sämtliche Nebenfiguren. Auch Cobb bleibt etwas blutleer, mag die Beziehung zu seiner Familie auch ein zentrales Element der Handlung sein.

Nahezu ausgebügelt wird dieser Makel durch die Darsteller, allesamt mit einer sympathischen Leistung auf generell hohem Niveau. Im Mittelpunkt steht Leonardo DiCaprio, der den getriebenen Cobb inklusive seiner dunklen Seiten mit großer Präsenz und sehr eindrucksvoll darstellt. In den Nebenrollen sorgt vor allem Marion Cotillard für verstörende Momente, ebenso überzeugen Ellen Page und Joseph Gordon-Levitt. Auch bei der Inszenierung spielt “Inception” in der ersten Liga, setzt die Eigenheiten seiner Geschichte mit oft atemberaubenden Aufnahmen um, findet einen passenden, kühlen Stil und viele beeindruckende Einstellungen. Ebenso ein Genuss ist die Musik, von der neben orchestralen Klängen vor allem ein mechanisches Dröhnen im Kopf bleibt. Der einzige kritische Punkt sind die Actionszenen: Die sind toll gemacht, wenn auch unübersichtlich, fühlen sich aber hin und wieder erzwungen an und haben kaum eine Relevanz für die Handlung.
Ein paar Makel lassen sich finden, Luft nach oben ist vorhanden, aber weder die trockenen Figuren noch die aufgesetzte Action können den tollen Gesamteindruck ankratzen. Scheinbar mühelos gelingt es dem Film, von der ersten bis zur letzten Minute zu packen, eine spannende Fiktion auszubreiten und mit einer virtuosen Handlung zu verweben. Natürlich hat “Inception” seine Höhepunkte, fasziniert mit der Originalität seiner Geschichte, zeigt unglaubliche Bilder, aber es bleiben nicht einzelne Szenen im Gedächtnis - es ist tatsächlich das große Ganze. Starke Darsteller und eine tolle Inszenierung treffen auf ein Drehbuch, das Anspruch und Kurzweil schlüssig unter einen Hut bringt, das den Zuschauer ernst nimmt und ihn zum Mitdenken auffordert. Das Ergebnis ist nicht nur interessant oder hübsch anzusehen, es funktioniert auf jeder Ebene, fordert heraus und macht gerade deswegen so viel Spaß. Ganz großes Kino und fantastische Unterhaltung eben.