Slangwhanger

Inception

Wenn Cobb und seine Kol­le­gen zuschla­gen, dann schla­fen ihre Opfer. Mit Hilfe einer Appa­ra­tur ver­bin­den sie sich mit des­sen Unter­be­wusst­sein, wer­den Teil sei­ner Träume, for­men diese und kom­mu­ni­zie­ren darin. Diese Methode gewährt Zugriff auf ver­steckte Gedan­ken, auf diese Art las­sen sich geheime Infor­ma­tio­nen gewin­nen, mit die­ser Form der Wirt­schafts­spio­nage ver­die­nen die Ver­bre­cher ihr Geld. Ihr neuer Auf­trag erfor­dert aller­dings nicht die Gewin­nung von Mate­rial - im Gegen­teil: Dies­mal sol­len Cobb und sein Team einem Unter­neh­mer eine Idee in den Kopf set­zen, auf dass der aus eige­nem Antrieb sein Impe­rium zer­schlägt. Als Beloh­nung winkt für den Meis­ter­dieb die Auf­he­bung sei­ner Haft­be­fehle und die Rück­kehr zu sei­ner Fami­lie. Die Truppe beginnt daher damit, zusätz­li­che Hel­fer zu rekru­tie­ren und einen hoch­kom­ple­xen Plan zu entwerfen.

Die Vor­be­rei­tun­gen von Cobb nutzt das Dreh­buch, um mit viel Ruhe und sehr anschau­lich seine abs­trak­ten Kon­zepte zu erklä­ren, die Figu­ren vor­zu­stel­len und den Grund­stein für das große Ver­bre­chen zu legen. Erst in sei­ner zwei­ten Hälfte kommt der Film in Fahrt, begeis­tert mit einer ver­wor­re­nen Hand­lung, spielt zeit­weise auf einer unge­heu­er­li­chen Zahl von Eben und bleibt dank der aus­führ­li­chen Vor­ar­bei­ten doch immer ver­ständ­lich. Ein Segen ist dabei, dass die Geschichte gerad­li­nig, nie unnö­tig kom­pli­ziert ver­läuft, mit viel Prä­zi­sion und struk­tu­riert erzählt wird und einen sehr guten Rhyth­mus aus umfang­rei­chen Gesprä­chen und kurz­wei­li­ger Span­nung fin­det. Diese naht­lose Ver­bin­dung von Kom­ple­xi­tät und Unter­hal­tung macht “Incep­tion” zu einem beein­dru­cken­den Erleb­nis, das vom Zuschauer die volle Auf­merk­sam­keit ein­for­dert und anstrengt, diese gedank­li­chen Mühen aber reich belohnt.

Eine beson­dere Freude ist das sel­tene, des­halb wert­volle Gefühl, etwas abso­lut eigen­stän­di­ges zu sehen, das inhalt­lich neue Pfade beschrei­tet und sich nicht an Kon­ven­tio­nen hält. In die­ser Hin­sicht erin­nert der Film an die “Matrix”-Trilogie, rüt­telt eben­falls mit bei­den Hän­den an den Grund­fes­ten der Rea­li­tät, stellt sie in Frage, macht Kon­stan­ten wie Zeit und Schwer­kraft zu voll­kom­men rela­ti­ven Grö­ßen. Diese Gedan­ken­spiele geben über die Geschichte hin­aus nicht viel her, sind in deren Kon­text aber abso­lut stim­mig, las­sen eine Viel­zahl von Inter­pre­ta­tio­nen zu und spi­cken “Incep­tion” mit ori­gi­nel­len Über­ra­schun­gen und fas­zi­nie­ren­den Ein­fäl­len. Diese krea­tive Masse bedingt aller­dings auch, dass andere Dinge nur ober­fläch­lich behan­delt wer­den kön­nen, in ers­ter Linie die Hin­ter­gründe der the­ma­ti­sier­ten Tech­ni­ken und sämt­li­che Neben­fi­gu­ren. Auch Cobb bleibt etwas blut­leer, mag die Bezie­hung zu sei­ner Fami­lie auch ein zen­tra­les Ele­ment der Hand­lung sein.

Nahezu aus­ge­bü­gelt wird die­ser Makel durch die Dar­stel­ler, alle­samt mit einer sym­pa­thi­schen Leis­tung auf gene­rell hohem Niveau. Im Mit­tel­punkt steht Leo­nardo DiCa­prio, der den getrie­be­nen Cobb inklu­sive sei­ner dunk­len Sei­ten mit gro­ßer Prä­senz und sehr ein­drucks­voll dar­stellt. In den Neben­rol­len sorgt vor allem Marion Cotil­lard für ver­stö­rende Momente, ebenso über­zeu­gen Ellen Page und Joseph Gordon-Levitt. Auch bei der Insze­nie­rung spielt “Incep­tion” in der ers­ten Liga, setzt die Eigen­hei­ten sei­ner Geschichte mit oft atem­be­rau­ben­den Auf­nah­men um, fin­det einen pas­sen­den, küh­len Stil und viele beein­dru­ckende Ein­stel­lun­gen. Ebenso ein Genuss ist die Musik, von der neben orches­tra­len Klän­gen vor allem ein mecha­ni­sches Dröh­nen im Kopf bleibt. Der ein­zige kri­ti­sche Punkt sind die Action­sze­nen: Die sind toll gemacht, wenn auch unüber­sicht­lich, füh­len sich aber hin und wie­der erzwun­gen an und haben kaum eine Rele­vanz für die Handlung.

Ein paar Makel las­sen sich fin­den, Luft nach oben ist vor­han­den, aber weder die tro­cke­nen Figu­ren noch die auf­ge­setzte Action kön­nen den tol­len Gesamt­ein­druck ank­rat­zen. Schein­bar mühe­los gelingt es dem Film, von der ers­ten bis zur letz­ten Minute zu packen, eine span­nende Fik­tion aus­zu­brei­ten und mit einer vir­tuo­sen Hand­lung zu ver­we­ben. Natür­lich hat “Incep­tion” seine Höhe­punkte, fas­zi­niert mit der Ori­gi­na­li­tät sei­ner Geschichte, zeigt unglaub­li­che Bil­der, aber es blei­ben nicht ein­zelne Sze­nen im Gedächt­nis - es ist tat­säch­lich das große Ganze. Starke Dar­stel­ler und eine tolle Insze­nie­rung tref­fen auf ein Dreh­buch, das Anspruch und Kurz­weil schlüs­sig unter einen Hut bringt, das den Zuschauer ernst nimmt und ihn zum Mit­den­ken auf­for­dert. Das Ergeb­nis ist nicht nur inter­es­sant oder hübsch anzu­se­hen, es funk­tio­niert auf jeder Ebene, for­dert her­aus und macht gerade des­we­gen so viel Spaß. Ganz gro­ßes Kino und fan­tas­ti­sche Unter­hal­tung eben.


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