Slangwhanger

No Mercy

In einem Sumpf wird die Lei­che einer jun­gen Frau gefun­den; sämt­li­che Glied­ma­ßen wur­den abge­trennt, ein Arm ist gänz­lich ver­schwun­den. Auf Basis der Spu­ren am Fund­ort und einer Obduk­tion der Toten sto­ßen der renom­mierte Gerichts­me­di­zi­ner Kang und die junge Ermitt­le­rin Min schnell auf eine heiße Spur. Diese führt zu einer Gruppe von Umwelt­ak­ti­vis­ten, deren Mit­glie­der vehe­ment gegen Bau­maß­nah­men an einem Fluss ein­tre­ten. Auf dem Gelände einer der betei­lig­ten Fir­men fin­det sich auch prompt das feh­lende Kör­per­teil und führt zum Mör­der, dem Anfüh­rer der Truppe. Doch trotz der ein­deu­ti­gen Beweis­lage hat der noch einen Trumpf in der Hand - und spielt Kang meh­rere Bil­der von des­sen ent­führ­ter Toch­ter zu. Für ihr Über­le­ben for­dert er eine Gegen­leis­tung ein.

So oder so ähnlich ent­wi­ckelt so man­cher Krimi eine sehr per­sön­li­che Dimen­sion, in ers­ter Linie zeich­net sich “No Mercy” aber durch seine unge­wohnte Struk­tur aus. Der Täter ist bereits nach kur­zer Zeit gefasst, das große Ver­bre­chen aber noch lange nicht auf­ge­klärt. Dem Dreh­buch gelingt es sehr gut, die Wahr­heit stück­weise zu ent­hül­len und dabei immer wie­der für Über­ra­schun­gen zu sor­gen; die schiere Ver­fah­ren­heit der Situa­tion bedingt aller­dings auch, dass sich der Film gele­gent­lich etwas anstren­gend anfühlt. Zudem ist die zweite Hälfte ein wenig zu lang­sam gestal­tet, lei­det unter eini­gen lang­at­mi­gen Stel­len und kommt kaum vom Fleck. Wei­ter schlimm ist das nicht, denn abge­se­hen von die­sen klei­nen Pro­ble­men han­delt es sich um einen sehr gut erzähl­ten Krimi, der sei­ner Hand­lung immer wie­der neue Facet­ten hin­zu­fü­gen kann.

Gro­ßen Anteil daran haben sie Figu­ren, mag mit Min auch eine der trei­ben­den Kräfte der Hand­lung etwas zu wenig Beach­tung erfah­ren. Dafür über­zeu­gen Kang und sein inhaf­tier­ter Gegen­spie­ler, denn in ihrem Ver­lauf kreist die Geschichte immer enger um das kom­pli­zierte Ver­hält­nis der bei­den. Da der eine in Haft sitzt, der andere ein gesetz­ter Herr ist, liegt der Fokus nicht auf Action und Span­nung; viel­mehr baut der Film eine inten­sive Stim­mung auf, die über weite Stre­cken bei der Stange hält und ebenso wie die Hand­lung gut gesetzte Höhe­punkte hat. Beim exzel­len­ten Schluss sind auch die klei­nen Pro­bleme ver­ges­sen, der Film endet ein­drück­lich und hin­ter­lässt durch­aus einen emo­tio­na­len Nach­hall. Die Moral sei­ner Geschichte bringt “No Mercy” näm­lich ein­drucks­voll auf den Punkt, über­mä­ßi­ger Tief­sinn wird dabei aller­dings nicht vermittelt.

Eben­falls gelun­gen, aller­dings weni­ger prä­gnant fällt die Insze­nie­rung aus. Die Optik ist geprägt von kräf­ti­gen Far­ben und einem stim­mi­gen Stil; wirk­lich auf­fäl­lig sind aller­dings nur die unap­pe­tit­li­chen Bil­der einer Obduk­tion. Auch bei der Musik gibt es kei­nen Grund zur Kri­tik, viel mehr über­zeugt diese immer wie­der durch ihren sehr punkt­ge­nauen Ein­satz. Abso­lut in Ord­nung gehen auch die Schau­spie­ler, mag Han Hye-jin auch stark durch ihre recht ein­fach gestrickte Rolle als auf­stre­bende Poli­zis­ten beschränkt wer­den. Einen beein­dru­cken­den, glaub­haf­ten Wan­del macht Sol Kyung-gu als Ermitt­ler und Vater durch, eine tolle Leis­tung zeigt dane­ben Ryu Seung-beom mit sei­ner Dar­stel­lung des kal­ku­lier­ten, abso­lut per­fi­den Bösewichtes.

Mit Blick auf all diese Qua­li­tä­ten fällt es nicht schwer, dem Film seine ver­ein­zel­ten dra­ma­tur­gi­schen Durch­hän­ger zu ver­zei­hen. Die Aus­gangs­lage der Geschichte mag nicht unbe­kannt sein, mit zahl­rei­chen Über­ra­schun­gen und Wen­dun­gen kann die Hand­lung aber über­zeu­gen; dar­über hin­aus gelingt es dem Dreh­buch, eine packende Atmo­sphäre auf­zu­bauen und mit wohl dosier­ten Ent­hül­lun­gen bei der Stange zu hal­ten. Dar­stel­ler und tech­ni­sche Auf­ma­chung fügen sich stim­mig in das ins­ge­samt sehr posi­tive Bild ein, die große Stärke von “No Mercy” bleibt aber defi­ni­tiv die erzäh­le­ri­sche Klasse. Ganz beson­ders kommt diese beim ful­mi­nan­ten Abschluss zu tra­gen, der einen nach­hal­ti­gen Ein­druck hin­ter­lässt und daher mehr als einen guten Krimi, näm­lich einen rich­tig star­ken Film beschließt.


Lesenswert: Caschy's Blog / Coffee and TV / Der Spiegelfechter / fairbloggt / Fünf Filmfreunde / indigoidian / Rock, Paper, Shotgun / Senior Gamer / Stefan Niggemeier / UARRR / USA erklärt