Wenn ich mich dieser Tage mit Freunden an der EWHA treffe und mit ihnen über den Campus laufe, dann kann ich nicht die Augen davor verschließen, wie sich meine Perspektive auf das vergangene Jahr verändert hat. Das soll nicht heißen, dass ich meine Zeit dort nicht genossen hätte – wäre das der Fall gewesen, ich hätte meinen Aufenthalt mit Sicherheit nicht verlängert und mich auch nicht für das Master-Studium in Südkorea entschieden. Die ersten Monate an der SNU gingen allerdings einher mit einem Tapetenwechsel, der die beiden letzten Semester in ein anderes, in manchen Belangen kritisches Licht gerückt hat. Dabei hatte ich das Gegenteil erwartet: Nicht nur wurde mir meine neue Universität als Freakshow auf dem Berge beschrieben, auch empfing mich dieser mit seiner monotonen Vegetation und thronte über Gebäuden, die einer Ode an die Soviet-Architektur gleichen. Mittlerweile sonnt sich Seoul im Frühling, hat sich dieser Eindruck auf den Kopf gestellt – und erscheint mir die EWHA viel mehr als die Freakshow in der Innenstadt.
In meinen letzten Wochen als Austauschstudent, nach zehn Monaten in der Innenstadt, fiel mir die Decke dort auf den Kopf. Auf allen Seiten ist der Campus umgeben vom Getöse der Straßen und vom Grau der Betonbauten, wird ertränkt im Krach und im Gestank und der Hektik und dem Stress einer Metropole. Im Frühjahr verwandelt sich die EWHA in eine grüne Oase mit bunten Bäumen und Blumen, kann den Auswüchsen der Großstadt aber doch nie entfliehen und ächzt umso mehr unter ihnen, wenn Hitze und Feuchtigkeit den Sommer einläuten. Vor den Toren der Universität wartet das Versprechen, dieser drückenden Enge entfliehen zu können – im totalen Konsum. Es gibt kaum einen Flecken, auf dem man sich setzen und verschnaufen, reden und nachdenken, dem Bombardement aus ungebetenen Eindrücken entfliehen könnte, ohne zumindest für ein Getränk zu bezahlen. Vier Euro für einen Kaffee sind auch vier Euro für ein paar Stunden ohne Krach um die Ohren, ohne die Monotonie der Fassaden vor Augen, für ein wenig Ruhe im Wahn der Innenstadt.
Erinnere ich mich an mein Jahr an der EWHA, dann denke ich an die Unumgänglichkeit dieses Konsums und die drückende Enge, dann kommen mir das dröhnende Leben und die gefühlte Kälte um den Campus in den Sinn. Nicht, weil ich diese rituellen Cafe-Besuche als verwerflich empfunden oder bei dieser kostspieligen Einförmigkeit nicht mitgespielt hätte. Der kritische Blick speist sich aus meinem Alltag an der SNU, der so ganz anders ist und die Einsicht mit sich gebracht hat, wieso mir im letzten Winter die Decke auf den Kopf gefallen ist. Statt dem Irrsinn der Urbanität umgeben mich Wälder und Berge; das Gelände der SNU gleicht einem großen Garten mit Raum zu Leben, keiner Enklave im Großstadtwahn; an Stelle der Pseudo-Gemütlichkeit bei Starbucks und Konsorten stehen die Wiese am Wohnheim und die Parkanlagen auf dem Campus. Und plötzlich bedeutet der Frühling nicht nur, dass vor dem Fenster die Temperaturen höher, das Gras bunter und die Blumen bunter werden; plötzlich hat die neue Jahreszeit wieder eine Bedeutung für das eigene Leben.
An vielen Tagen sitze ich mit Freunden im Gras, in den Parkanlagen oder am Teich. Wir lernen für die Zwischenprüfungen oder reden über Stunden, schlafen ein oder beobachten Flugzeuge, die im Landeanflug über den blauen Himmel ziehen. Um uns herum tobt das Leben: Musikstudenten singen italienische Oper im Freien, im Amphitheater messen sich Inder und Pakistanis beim Kricket, an den Nachmittagen schallt das Lachen von Trinkspielen über den Rasen. An den Abenden bestellen wir chinesisches, koreanisches, ungesundes Essen, trinken Bier vor dem Supermarkt im Wohnheim und sehen den Sonnenuntergang über Seoul. An anderen Tagen mache ich mich auf, um Freunde am Han-Fluss zu treffen oder den LG Twins zuzuschauen, wie sie beim Baseball im Jamsil Stadium die Hucke vollbekommen. Zugleich wird die Universität ihrem Ruf gerecht: Tag für Tag verbringe ich einige Stunden mit dem Lesen von Texten und investiere Zeit in das Studium, wie ich es an der EWHA nur zu Prüfungszeiten getan habe. Die Umgebung bietet allerdings einen Ausgleich zu dieser Arbeit – und ersetzt den Druck der Metropole durch die Entspannung in der Natur.
Nach einem Jahr in der Innenstadt und drei Monaten an meiner neuen Universität scheint es mir daher, dass die vermeintliche Freakshow auf dem Berg eine ungleich bessere Umgebung für Menschen darstellt, die auf Wissen, Bildung und persönliche Entwicklung hinarbeiten. Für mich kommt das in Kleinigkeiten zum Ausdruck. So findet sich an der EWHA kaum eine Ecke, in der kein reger Verkehr herrscht. Wollte ich alleine oder mit Freunden, mit einem Buch oder dem MP3-Player in der Sonne sitzen, endete ich daher auf den Betonstufen im Zentrum des Campus, wo sich kaum ein klarer Gedanke fassen lässt. An der SNU hingegen gehört zum Alltag, was sich auch an deutschen Hochschulen findet: Studierende genießen das Wetter, lesen im Freien und treiben Sport. Ich sehe darin mehr als bloße Freizeit, ich finde darin einen Ausgleich zum Studienalltag, der mich in den ersten Wochen ausgezehrt und um den Schlaf gebracht hat. Seitdem habe ich meine Balance gefunden, laufe jeden Morgen eine Stunde und verbringe viel Zeit im Grünen, wo sich entspannen und diskutieren, lesen oder einfach nachdenken lässt.
Aber auch diese Umgebung hat Schattenseiten. Ist das Wetter schlecht, ersäuft der Campus im Nebel und verliert viel von seinem Reiz. Daneben ist die Lage außerhalb der Metropole nicht immer von Vorteil. Wie jedes Jahr veranstalten die Universitäten von Seoul dieser Tage ihre Sommerfeste, was an der SNU nett ist, aber im überschaubaren Rahmen bleibt. Hingegen brannte in der Innenstadt und gegenüber der EWHA die Hütte, wo ich vergangene Woche mit einer Freundin das Akaraka-Fest der Yonsei University besuchte. Die große Straße über den Campus hatte sich zur Partymeile verwandelt, auf der tausende Studierende aus ganz Seoul saßen und Bier, Soju oder Cocktails aus Gefriertüten tranken. Von allen Seiten dröhnte die Musik, denn auf mehreren Bühnen traten Pop-, Rock und Hiphop-Künstler auf. Vor zwei Fakultäten standen DJ samt Mischpult, darum herum wurden Treppen, Bänke und Parkanlagen zur Tanzfläche. Ich musste allerdings noch vor Mitternacht aufbrechen – die Heimfahrt mit U-Bahn und Bus, aus der Stadt und auf den Berg dauert schließlich eine ganze Stunde.
Am Mittwoch wählt Südkorea ein neues Parlament. Seit der Wahlkampf vor zwei Wochen eröffnet wurde, bewerben die Parteien daher ihre Programme und versuchen Wähler von ihren Positionen zu überzeugen. Das heißt: Sie sollten es tun. Wie die Wahlkommission unlängst angeprangert hat, schlagen sich die Politiker des Landes zwar die Köpfe ein, schneiden die Themen der Gegenwart aber kaum einmal an. Stattdessen dominiert aktuell ein Skandal die Medien, laut dem kritische Politiker, Journalisten und Geschäftsleute systematisch von der Regierung überwacht wurden. Daneben liegt bereits der Schatten der Zukunft über den Ereignissen, denn im November stimmen die Koreaner über ihren neuen Präsidenten ab. Die Opposition bewirbt die Wahl deswegen als Abrechnung mit dem Amtsinhaber und hängt Lee Myung-bak den Skandal an; dessen Popularität war bereits zuvor im Keller, selbst die Regierungspartei distanziert sich daher von ihm. Bei der Bevölkerung stoßen diese politischen Querelen auf wenig Gegenliebe – es dominiert der Verdruss.
Die Zahlen belegen das: Als das Parlament zuletzt vor vier Jahren gewählt wurde, gaben nur 46% der Südkoreaner ihre Stimme ab und beförderten ihre Heimat damit auf den letzten Platz in den Reihen der Industrieländer (Deutschland hatte vor drei Jahren eine Wahlbeteiligung von 71%). Komme ich mit Freunden auf die Politik zu sprechen, bestätigt sich dieses Bild, denn in vielen Fällen tendieren das Interesse, die Kenntnisse und der Wille zur Partizipation gegen Null. Zumeist bin ich als Außenstehender besser informiert über das nationale Tagesgeschehen und blicke in fragende Gesichter, wenn ich die Namen führender Politiker erwähne. Diese Verdrossenheit speist sich aus dem Eindruck, dass die Parteien keine wahren Alternativen füreinander darstellen, die Probleme des Landes nicht angetastet werden und die Politik von der Korruption zersetzt ist. Es sei dahingestellt, ob dieses Empfinden der Realität entspricht, der Blick in die Medien legt es aber nahe: Kaum ein Tag ohne Korruption, kaum eine Partei mit handfesten Plänen für die Zukunft. Ein Journalist zog das Resumee, dass Südkorea die Dämmerung der Demokratie erlebt habe, bisher aber nicht über den Sonnenaufgang hinausgekommen sei.
Die Ursachen dieser Probleme mögen in der Vergangenheit liegen. Seit die Halbinsel nach dem zweiten Weltkrieg geteilt wurde, ist Südkorea eine Demokratie – zumindest auf dem Papier. Von Beginn an zeichnete sich die Politik des Landes nämlich durch autoritäre Härte und grenzenlose Korruption aus. Die Opposition wurde brutal unterdrückt; von der amerikanischen Schutzmacht gab es finanzielle Unterstützung statt politischer Beschwerden, lag die junge Republik doch an der Front des Kalten Krieges. Das Ende der Demokratie schien besiegelt, als sich 1961 mit Park Chung-Hee ein General an die Macht putschte und die Militärdiktatur etablierte. Unter dieser wurden Freiheiten eingeschränkt, Oppositionelle gefoltert – und der Grundstein für eine Entwicklung gelegt, wie sie kein anderes Land erlebt hat. Auf Basis der Maßnahmen und Reformen von Park wandelte sich Südkorea innerhalb einer Generation vom Entwicklungs- zum Industrieland. Der Diktator wurde 1979 erschossen, doch die Erfolge und das Erbe seiner Amtszeit prägen das Land nach wie vor.
Es dauerte ein weiteres Jahrzehnt, bis Studierende, Arbeiter und Kirchen, die politische Opposition sowie die wachsende Mittelschicht der Diktatur ein Ende setzen konnten. Im November 1987 wählten die Südkoreaner einen neuen Präsidenten, und zum ersten Mal in der Geschichte des Landes war die Beteiligung des Volkes mehr als eine Fassade. Mittlerweile sind Parteien und Institutionen etabliert, haben sich Prozesse und Rituale eingespielt, ist die Politik in der Demokratie verwurzelt. Und doch kann man den Schatten der Vergangenheit bei Zeiten erblicken. Das Wirken von Park Chung-Hee ist nach wie vor eine der großen Kontroversen in Südkorea, seiner Erfolge wegen halten ihn Teile der Bevölkerung als Lichtgestalt in Erinnerung und weißen jegliche Kritik zurück. Seine Tochter profitiert davon, zählt zu den populärsten Politikerinnen des Landes und wird im Winter am Rennen um die Präsidentschaft teilnehmen. Den Amtsinhaber hingegen bringt sein autoritärer Stil in Bedrängnis: Für Lee Myung-bak sind die Vergleiche mit Park zu einer schweren Bürde geworden, zeitweise waren weniger als 20% der Koreaner mit ihm zufrieden.
Die Hintergründe zeigen, dass Südkorea noch einige Schritte zu tun hat, bis es sämtliche Freiheiten und die Rechte umsetzt, die mit einer Demokratie verbunden werden. Aktuell etwa befinden sich hunderte Journalisten der großen TV-Sender im Streik, da sie sich mit Zensur und politischer Beeinflussung von Seiten der Regierung konfrontiert sehen. Mit Freedom House stuft eine weltweit tätige NGO das Land als „partly free“ ein, denn auch das Internet hat dort Grenzen: Wer auf Inhalte zugreifen will, die pornographischer Natur sind oder Sympathie für Nordkorea erkennen lassen, landet auf einer Sperrseite. Daneben prägen Vorwürfe wegen Korruption und Klientelpolitik das politische Klima des Landes. Unter der Präsidentschaft von Lee wurden zum Beispiel knappe achtzig Geschäftsmänner begnadigt, die wegen Steuerhinterziehung und anderen Verbrechen zu Haftstrafen verurteilt worden waren. Offizielle Begründung war ihre große Bedeutung für den wirtschaftlichen Aufschwung. Im Falle von Lee Kun-hee, dem Geschäftsführer von Samsung und reichsten Mannes im Lande, wurde gar damit argumentiert, dass er von Relevanz für die Bewerbung um die olympischen Winterspiele im Jahr 2018 sei.
Damit vor Augen ist der Ärger in der Bevölkerung verständlich – und klingt die Aussage von Lee, nach der das gesamte Land von der Fäulnis befallen sei, nach Zynismus. Vielleicht braucht Südkorea noch einige Zeit, um die Altlasten aus Jahrzehnten der autoritären Regime abzuwerfen. Insbesondere das politische Personal scheint mitunter noch nicht in der Demokratie angekommen zu sein. Ein- bis zweimal im Jahr wird das Parlament zum Schlachtfeld, wenn Abgeordnete mit Geschrei und Fäusten aufeinander losgehen, den Plenarsaal verbarrikadieren und sich mit Wasserschläuchen bekriegen. In diesen Momenten ist es nicht einmal mehr der Verdruss, der die Koreaner umtreibt; es ist die Scham darüber, wie die ganze Welt im Unglauben auf ihre Heimat schaut und das bizarre Schauspiel belächelt. Die Zukunft mag anders aussehen, denn an den Universitäten studiert die erste Generation, die in einem demokratischen Südkorea aufgewachsen ist. Bis dahin bleiben allerdings Gestalten wie Kim Seon-dong auf der Bühne. Der Abgeordnete auf Seite der Opposition wollte das Freihandelsabkommen mit den USA aufhalten, bei der Abstimmung im letzten November hatte er daher einen Kanister mit Tränengas im Gepäck.
Einige Tage vor Weihnachten stand ich in der U-Bahn-Station von Hongdae, wurde von den Massen umspült und hatte im Kopf einen Satz nachhallen, den mir eine Freundin gesagt hatte. „Die SNU ist ein toller Ort zum Studieren, damit hat es sich aber auch.“ Wir hatten uns getroffen, da ich Fragen zu ihrer Universität hatte, und so saßen wir beim Mexikaner und sie erzählte mir von der SNU, der Seoul National University. Bereits im Herbst hatte ich mich dort für einen Master-Studiengang beworben, und nach Papierkrieg und Interview im Dezember die Zusage erhalten. Damit eröffnete sich mir die Möglichkeit, zwei weitere Jahre in Südkorea und an der besten Universität des Landes zu verbringen. Den Kopf zerbrach ich mir darüber, ob ich das wirklich möchte und wie ich das Vorhaben finanzieren könnte, Sorgen machte ich mir aber in erster Linie über den Ruf der SNU: Der Campus habe den Charme einer Militärbasis, das Leben und Lernen darauf den einer Freakshow, und wer daran teilnehmen möchte, müsse sich vom deutschen Studentenleben verabschieden.
Trotz aller Bedenken bin ich mittlerweile an der SNU eingeschrieben und arbeite auf meinen Master-Abschluss an der Graduate School of International Studies hin. Die Eigenheiten des Campus habe ich schnell kennen gelernt, denn dieser liegt einige Kilometer südlich von Seoul in einem Tal. Ursprünglich war die Universität nach ihrer Gründung im Jahr 1946 im Stadtzentrum untergebracht, wo Studierende wie auch Dozenten in den folgenden Jahrzehnten beständig für Demokratie und gegen die Diktatur demonstrierten. In den Siebziger-Jahren wurde es der Regierung zu bunt und die SNU (bis auf zwei Fakultäten) daher umgesiedelt. Heute umgeben Wälder, Wanderpfade und einige Tempel die Universität; über ihr thront der Berg Gwanak, nach dem der neue Campus benannt wurde. Dieser ist mittlerweile der größte in Südkorea, denn seit der Verlegung ist er durch das gesamte Tal sowie auf die Hügel herum gewachsen. Abhängig vom Wetter kann ich auf dem Weg zum Unterricht daher über Seoul blicken oder bin von Hängen umgeben, die in den Nebel entsteigen.
Heute umfasst die Universität mehr als zweihundert Gebäude, in denen über 30.000 Studierende und 2.000 Dozenten ihren Alltag bestreiten. Auch eine Station auf der zentralen Linie der U-Bahn hat die SNU, diese liegt aber zwei Kilometer vom Haupteingang entfernt. Um überhaupt zum Campus und auf diesem von A nach B zu gelangen, führt kein Weg am Bus vorbei. Das Gewirr aus Gebäuden und Wegen ist schwer zu überblicken; zum Laufen sind die Distanzen zu groß, über den Campus verteilen sich daher mehr als zwanzig Haltestellen und verkehren zahlreiche Linien. Deren Fahrer sehen enge Kurven, steile Anstiege und Bremsschwellen als Herausforderung, nicht als Hindernis, man freut sich also über einen vollen Bus: Zum Umfallen ist dann nämlich kein Platz. Um Mitternacht kehrt Ruhe ein an der SNU und kommt der Verkehr zum Erliegen; wer das Nachtleben auskosten will, muss ein Taxi für den Rückweg aus der Stadt wählen. Der fällt mitunter lang aus, denn in der Nähe der Universität finden sich nur einige Trinkhallen – und nichts, was mit der Nachbarschaft der EWHA konkurrieren könnte.
Glaubt man dem Ruf der SNU, stört das die Studierenden nicht. Im Bildungssystem von Korea spielt die Universität eine Sonderrolle, steht in nationalen Rankings an der Spitze und verortet sich selbst in der Gruppe der globalen Top-50. Die Lebensläufe der Absolventen unterstreichen das: Die Hälfte der hochrangigen Politiker, Diplomaten und Richter des Landes stammen von der SNU. Die Vorstände von Samsung und LG haben ihren Abschluss dort gemacht, ebenso Ban Ki-Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Die Folge dieser Reputation: Wer die begehrte Zulassung erhalten will, sollte im landesweiten Test (den sämtliche Gymnasiasten ablegen) unter den besten 2,5% landen; an einigen Fakultäten ist nur eine von zweihundert Bewerbungen erfolgreich. Den Weg dorthin ebnet in vielen Fällen die Schattenseite der koreanischen Bildung: Wenig Freizeit, Pauken bis spät in die Nacht und teure Nachhilfe. Ihren Ruf als Zombiehorde im Elfenbeinturm haben sich die Studierenden der SNU daher hart erarbeitet.
Mir hat sich das Tor in diese Welt geöffnet, da die Plätze für Master-Studiengänge ungleich weniger hart umkämpft sind und Ausländer gesondert bewertet werden. Auf meiner Seite sprach für die Universität, dass sie in Südkorea an der Spitze steht – und dennoch geringe Studiengebühren hat. Aus deutscher Perspektive sind die mit umgerechnet 2.500€ pro Semester zwar exorbitant, betragen aber nur die Hälfte dessen, was andere Top-Universitäten auf der Halbinsel verlangen. Der Hintergrund: Die SNU ist eine staatliche Institution. Das schlägt sich im Alltag nieder, für den Kaffee am Morgen und das Croissant in der Pause zahlt man nämlich ein Drittel dessen, was etwa an der EWHA fällig ist. Auch dem Campus sieht man seinen Besitzer an, denn die meisten Gebäude stammen aus dem Schwarzbuch der Architektur. Das Äußere ist aus Prinzip rechteckig und lässt vermuten, dass die Baumärkte in Südkorea einzig grüne und graue Wandfarbe verkaufen; das Innere hat einen Hang zum Minimalismus, den selbst Spartaner als spartanisch bezeichnen würden.
Die Wohnheime für Master-Studierende heben sich davon ab, die wurden nämlich erst vor zwei Jahren fertiggestellt. Am Fuße des Gwanak gelegen, überblicken sie den Campus und sind zusammen mit weiteren Gebäuden eine Heimat für mehr als 4.000 angehende und etablierte Akademiker. Der Komplex umfasst Supermärkte und Friseur, Cafeterien und Restaurants, ein Fitnessstudio sowie eine Trinkhalle. Der Alltag lässt sich dort gut aushalten, und da ich zu Fuß innerhalb von fünf Minuten an meiner Fakultät bin, spare ich mir auch die wilden Busfahrten. Die Atmosphäre in den Gebäuden ist allerdings eigen: Die einheimischen Bewohner ignorieren einander und reagieren nicht einmal auf ein Hallo. Mein koreanischer Mitbewohner fügt sich ein – und würde sich gut machen als Botschafter seiner Universität. Letzte Woche habe ich ihn über Tage nicht zu Gesicht bekommen, zumeist sehen wir einander nur, wenn er im Morgengrauen zurückkommt. Nicht etwa aus dem Nachtleben, sondern vom Lernen, wo er hin und wieder auf seinem Stuhl einschläft.