1 August 2010 /
Filmkritik /
Science Fiction /
2010 USA
Wenn Cobb und seine Kollegen zuschlagen, dann schlafen ihre Opfer. Mit Hilfe einer Apparatur verbinden sie sich mit dessen Unterbewusstsein, werden Teil seiner Träume, formen diese und kommunizieren darin. Diese Methode gewährt Zugriff auf versteckte Gedanken, auf diese Art lassen sich geheime Informationen gewinnen, mit dieser Form der Wirtschaftsspionage verdienen die Verbrecher ihr Geld. Ihr neuer Auftrag erfordert allerdings nicht die Gewinnung von Material - im Gegenteil: Diesmal sollen Cobb und sein Team einem Unternehmer eine Idee in den Kopf setzen, auf dass der aus eigenem Antrieb sein Imperium zerschlägt. Als Belohnung winkt für den Meisterdieb die Aufhebung seiner Haftbefehle und die Rückkehr zu seiner Familie. Die Truppe beginnt daher damit, zusätzliche Helfer zu rekrutieren und einen hochkomplexen Plan zu entwerfen.

Die Vorbereitungen von Cobb nutzt das Drehbuch, um mit viel Ruhe und sehr anschaulich seine abstrakten Konzepte zu erklären, die Figuren vorzustellen und den Grundstein für das große Verbrechen zu legen. Erst in seiner zweiten Hälfte kommt der Film in Fahrt, begeistert mit einer verworrenen Handlung, spielt zeitweise auf einer ungeheuerlichen Zahl von Eben und bleibt dank der ausführlichen Vorarbeiten doch immer verständlich. Ein Segen ist dabei, dass die Geschichte geradlinig, nie unnötig kompliziert verläuft, mit viel Präzision und strukturiert erzählt wird und einen sehr guten Rhythmus aus umfangreichen Gesprächen und kurzweiliger Spannung findet. Diese nahtlose Verbindung von Komplexität und Unterhaltung macht “Inception” zu einem beeindruckenden Erlebnis, das vom Zuschauer die volle Aufmerksamkeit einfordert und anstrengt, diese gedanklichen Mühen aber reich belohnt.
Eine besondere Freude ist das seltene, deshalb wertvolle Gefühl, etwas absolut eigenständiges zu sehen, das inhaltlich neue Pfade beschreitet und sich nicht an Konventionen hält. In dieser Hinsicht erinnert der Film an die “Matrix”-Trilogie, rüttelt ebenfalls mit beiden Händen an den Grundfesten der Realität, stellt sie in Frage, macht Konstanten wie Zeit und Schwerkraft zu vollkommen relativen Größen. Diese Gedankenspiele geben über die Geschichte hinaus nicht viel her, sind in deren Kontext aber absolut stimmig, lassen eine Vielzahl von Interpretationen zu und spicken “Inception” mit originellen Überraschungen und faszinierenden Einfällen. Diese kreative Masse bedingt allerdings auch, dass andere Dinge nur oberflächlich behandelt werden können, in erster Linie die Hintergründe der thematisierten Techniken und sämtliche Nebenfiguren. Auch Cobb bleibt etwas blutleer, mag die Beziehung zu seiner Familie auch ein zentrales Element der Handlung sein.

Nahezu ausgebügelt wird dieser Makel durch die Darsteller, allesamt mit einer sympathischen Leistung auf generell hohem Niveau. Im Mittelpunkt steht Leonardo DiCaprio, der den getriebenen Cobb inklusive seiner dunklen Seiten mit großer Präsenz und sehr eindrucksvoll darstellt. In den Nebenrollen sorgt vor allem Marion Cotillard für verstörende Momente, ebenso überzeugen Ellen Page und Joseph Gordon-Levitt. Auch bei der Inszenierung spielt “Inception” in der ersten Liga, setzt die Eigenheiten seiner Geschichte mit oft atemberaubenden Aufnahmen um, findet einen passenden, kühlen Stil und viele beeindruckende Einstellungen. Ebenso ein Genuss ist die Musik, von der neben orchestralen Klängen vor allem ein mechanisches Dröhnen im Kopf bleibt. Der einzige kritische Punkt sind die Actionszenen: Die sind toll gemacht, wenn auch unübersichtlich, fühlen sich aber hin und wieder erzwungen an und haben kaum eine Relevanz für die Handlung.
Ein paar Makel lassen sich finden, Luft nach oben ist vorhanden, aber weder die trockenen Figuren noch die aufgesetzte Action können den tollen Gesamteindruck ankratzen. Scheinbar mühelos gelingt es dem Film, von der ersten bis zur letzten Minute zu packen, eine spannende Fiktion auszubreiten und mit einer starken Handlung zu verweben. Natürlich hat “Inception” seine Höhepunkte, fasziniert mit der Originalität seiner Geschichte, zeigt unglaubliche Bilder, aber es bleiben nicht einzelne Szenen im Gedächtnis - es ist tatsächlich das große Ganze. Starke Darsteller und eine tolle Inszenierung treffen auf ein Drehbuch, das Anspruch und Kurzweil schlüssig unter einen Hut bringt, das den Zuschauer ernst nimmt und ihn zum Mitdenken auffordert. Das Ergebnis ist nicht nur interessant oder hübsch anzusehen, es funktioniert tatsächlich auf jeder Ebene, fordert heraus und macht gerade deswegen so viel Spaß. Großartige Unterhaltung eben.
29 Juli 2010 /
Filmkritik /
Krimi /
2010 Südkorea
In einem Sumpf wird die Leiche einer jungen Frau gefunden; sämtliche Gliedmaßen wurden abgetrennt, ein Arm ist gänzlich verschwunden. Auf Basis der Spuren am Fundort und einer Obduktion der Toten stoßen der renommierte Gerichtsmediziner Kang und die junge Ermittlerin Min schnell auf eine heiße Spur. Diese führt zu einer Gruppe von Umweltaktivisten, deren Mitglieder vehement gegen Baumaßnahmen an einem Fluss eintreten. Auf dem Gelände einer der beteiligten Firmen findet sich auch prompt das fehlende Körperteil und führt zum Mörder, dem Anführer der Truppe. Doch trotz der eindeutigen Beweislage hat der noch einen Trumpf in der Hand - und spielt Kang mehrere Bilder von dessen entführter Tochter zu. Für ihr Überleben fordert er eine Gegenleistung ein.

So oder so ähnlich entwickelt so mancher Krimi eine sehr persönliche Dimension, in erster Linie zeichnet sich “No Mercy” aber durch seine ungewohnte Struktur aus. Der Täter ist bereits nach kurzer Zeit gefasst, das große Verbrechen aber noch lange nicht aufgeklärt. Dem Drehbuch gelingt es sehr gut, die Wahrheit stückweise zu enthüllen und dabei immer wieder für Überraschungen zu sorgen; die schiere Verfahrenheit der Situation bedingt allerdings auch, dass sich der Film gelegentlich etwas anstrengend anfühlt. Zudem ist die zweite Hälfte ein wenig zu langsam gestaltet, leidet unter einigen langatmigen Stellen und kommt kaum vom Fleck. Weiter schlimm ist das nicht, denn abgesehen von diesen kleinen Problemen handelt es sich um einen sehr gut erzählten Krimi, der seiner Handlung immer wieder neue Facetten hinzufügen kann.
Großen Anteil daran haben sie Figuren, mag mit Min auch eine der treibenden Kräfte der Handlung etwas zu wenig Beachtung erfahren. Dafür überzeugen Kang und sein inhaftierter Gegenspieler, denn in ihrem Verlauf kreist die Geschichte immer enger um das komplizierte Verhältnis der beiden. Da der eine in Haft sitzt, der andere ein gesetzter Herr ist, liegt der Fokus nicht auf Action und Spannung; vielmehr baut der Film eine intensive Stimmung auf, die über weite Strecken bei der Stange hält und ebenso wie die Handlung gut gesetzte Höhepunkte hat. Beim exzellenten Schluss sind auch die kleinen Probleme vergessen, der Film endet eindrücklich und hinterlässt durchaus einen emotionalen Nachhall. Die Moral seiner Geschichte bringt “No Mercy” nämlich eindrucksvoll auf den Punkt, übermäßiger Tiefsinn wird dabei allerdings nicht vermittelt.

Ebenfalls gelungen, allerdings weniger prägnant fällt die Inszenierung aus. Die Optik ist geprägt von kräftigen Farben und einem stimmigen Stil; wirklich auffällig sind allerdings nur die unappetitlichen Bilder einer Obduktion. Auch bei der Musik gibt es keinen Grund zur Kritik, viel mehr überzeugt diese immer wieder durch ihren sehr punktgenauen Einsatz. Absolut in Ordnung gehen auch die Schauspieler, mag Han Hye-jin auch stark durch ihre recht einfach gestrickte Rolle als aufstrebende Polizisten beschränkt werden. Einen beeindruckenden, glaubhaften Wandel macht Sol Kyung-gu als Ermittler und Vater durch, eine tolle Leistung zeigt daneben Ryu Seung-beom mit seiner Darstellung des kalkulierten, absolut perfiden Bösewichtes.
Mit Blick auf all diese Qualitäten fällt es nicht schwer, dem Film seine vereinzelten dramaturgischen Durchhänger zu verzeihen. Die Ausgangslage der Geschichte mag nicht unbekannt sein, mit zahlreichen Überraschungen und Wendungen kann die Handlung aber überzeugen; darüber hinaus gelingt es dem Drehbuch, eine packende Atmosphäre aufzubauen und mit wohl dosierten Enthüllungen bei der Stange zu halten. Darsteller und technische Aufmachung fügen sich stimmig in das insgesamt sehr positive Bild ein, die große Stärke von “No Mercy” bleibt aber definitiv die erzählerische Klasse. Ganz besonders kommt diese beim fulminanten Abschluss zu tragen, der einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt und daher mehr als einen guten Krimi, nämlich einen richtig starken Film beschließt.
27 Juli 2010 /
Filmkritik /
Action /
2010 USA
Superhelden gibt es im Comic und auf der Leinwand, nicht aber in der Realität. Warum eigentlich? Die Antwort kennt Dave nicht, also nimmt er die Sache selber in die Hand - ohne besondere Kräfte, ohne taugliche Ausrüstung, aber mit viel Elan und einem grünen Anzug. Der Versager wird zu Kick-Ass, und nachdem der erste Einsatz für Recht und Ordnung im Krankenhaus endet, rollt der Ball plötzlich. Ein Video macht seine geheime zweite Identität zum nationalen Internet-Phänomen, im tristen Alltag als Schüler läuft es mit den Frauen. Sogar neue Mitstreiter finden sich, als ihm das blutrünstige Duo aus einem kleinen Mädchen und ihrem Vater aus einer brenzligen Situation hilft Allerdings folgt auch die Gegenreaktion prompt, denn der Pate einer lokalen Verbrecherbande fühlt sich auf die Füße getreten, bringt seinen eigenen Superhelden zum Einsatz und macht Schluss mit lustig.

Für Dave wird die Lage damit ernst, im Drehbuch spielt der Humor aber eine zentrale Rolle. Gerade in seiner ersten Hälfte gibt sich “Kick-Ass” einige Mühe, die gängigen Superhelden und ihre Eigenheiten zu parodieren, an allen Ecken und Enden auf sie anzuspielen. Das klappt, die Verbindung der kalten Realität mit naivem Heroismus ist äußert unterhaltsam, im weiteren Verlauf verliert tritt dieser Aspekt allerdings in den Hintergrund. Stattdessen konzentriert sich der Film in seiner zweiten Hälfte auf den Konflikt von Dave und seinen Gefährten mit dem organisierten Verbrechen, was der Handlung viel von ihrer Eigenständigkeit nimmt. Denn abgesehen von absurder, blutiger, zweifelsohne gelungener Action machen sich auch einige Längen breit und entwickelt sich die Handlung vorhersehbar, macht bei aller Kritik aber immer noch Spaß und hat gelungene Figuren zu bieten.
Ungleich ärgerlicher ist, wie der parodistische Aspekt dabei unter die Räder kommt und “Kick-Ass” seine eigene Prämisse demontiert. Am Ende legt sich kein übermotivierter Jugendlicher mehr mit der Realität an und kriegt dabei die Leviten gelesen, es mischen ein paar ordinäre Superhelden die lokalen Bösewichter auf. Was den Film darüber hinaus zu einem fragwürdigen Erlebnis macht, ist die Art und Weise, wie dieses Vorgehen inszeniert wird - nämlich mit viel Blut, der stilvollen Glorifizierung von Gewalt und einem kleinen Mädchen als gnadenloser Mordmaschine. Das wertet den Film nicht per se ab und kann dank kalkulierter Tabubrüche durchaus unterhalten, es fügt sich aber nicht schlüssig zusammen. Von der ursprünglichen Persiflage, von einem Sinn hinter der Gewalt ist nicht mehr viel zu spüren, der Reiz der Exzesse weicht daher schnell dem Befremden.

Ansonsten gibt die Inszenierung keinen Grund zur Klage, bietet einen souveränen Stil und gipfelt immer wieder in gut gemachter, ziemlich überdrehter Action. Humor und Kreativität kommen dabei nicht zu kurz, mit Einlagen aus der Ego-Perspektive, wilder Akrobatik und dem Einsatz ungewöhnlicher Waffen setzt “Kick-Ass” immer wieder absurde Akzente. Untermalt wird der Spaß von manchmal rockigem, manchmal orchestralem Bombast. Auch die Darsteller gehen in Ordnung, wobei Aaron Johnson als sympathischer Protagonist nicht weiter bemerkenswert ist. Für wesentlich mehr Aufsehen sorgen Chloë Moretz, hinter deren kindlicher Fassade eine gnadenlose Mörderin mit derben Sprüchen steckt, sowie Nicolas Cage, der ihren Vater und den verbitterten Waffennarren mit einiger Selbstironie gibt.
An der Umsetzung gibt es also wenig auszusetzen, das eigentliche Problem ist das Drehbuch. Was als ausgelassene, humorvolle Parodie beginnt, entwickelt sich zu nichtssagender Action mit krassen Brutalitäten, bei deren Anblick das Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt. Und gerade weil damit am Ende genau das herauskommt, was in der ersten Hälfte durch den Kakao gezogen wird, fühlt sich der Film alles andere als stimmig an. Der tolle Auftakt schürt die Hoffnung auf eine bodenständige, absurde Version von “Watchmen”, viel mehr als lauter Krach mit bitterem Beigeschmack wird allerdings nicht geboten. Das enttäuscht, in dieser Hinsicht ist “Kick-Ass” misslungen, kann ansonsten aber durchaus überzeugen. Denn als hemmungslose Action mit humorvollen Einwürfen geht er in Ordnung.