Die Abschlussprüfungen und das Semester sind um, der Winter hat Seoul mit zweistelligen Minusgraden und eisigen Winden im Griff. Für mich hat die letzte Woche in Südkorea begonnen – und damit die letzte Woche auf dem Campus der EWHA Womans University. Dort habe ich ein Jahr gelebt und studiert, und wann immer ich ihn für einige Tage verlassen habe, hat sich der Schritt durch das Haupttor angefühlt wie die Rückkehr nach Hause. Das mag mit Gewöhnung zu tun haben, aber auch mit der Lage, der Gestaltung und den Annehmlichkeiten des Campus. Durch Freunde, durch Veranstaltungen und Neugier habe ich einige Universitäten in der Hauptstadt gesehen, und keine hat es damit aufnehmen können. Einige sind kaum mit der U-Bahn zu erreichen oder liegen Gegenden ohne einen Hauch von Attraktivität; andere bestehen aus potthässlichen Zweckbauten; wieder andere sind so groß, dass man nur mit Bussen darauf verkehren kann. Die EWHA hat mit keinem dieser Probleme zu kämpfen, aber durchaus auch Eigenheiten.

Dazu zählen die Lage des Campus im Nordwesten von Seoul und die Anbindung an die zentrale U-Bahn-Linie mit einer eigenen Station. Innerhalb von zehn Minuten gelangt man über diese in das Zentrum der Stadt oder an das Flussufer des Han. Zu Fuß lassen sich Sinchon und Hongdae erreichen, zwei der Zentren im Nachtleben von Seoul, und Hort für eine Unzahl von Restaurants und Bars, Clubs und Karaoke-Räumen. Direkt vor dem Tor der Universität liegt indes Edae, wo neben dem Essen vor allem das Einkaufen im Mittelpunkt steht, wie die Straßenverkäufer, Modeläden und Kosmetik-Geschäfte belegen. An den rückwärtigen Eingängen finden sich ebenso Gelegenheiten, um den eigenen Magen zu füllen, aber auch ein Zug- und ein Busbahnhof, ein Kino sowie das Severance Hospital. Dahinter erstreckt sich die Yonsei University, von und zu der ein reger Verkehr hinüber zur EWHA herrscht. Dort gibt es nämlich, was sich auf der anderen Straßenseite nicht findet: Männer.

Hingegen findet sich im Zentrum der Frauenuniversität ein Bau, der tagtäglich Touristen durch ihre Tore treibt: Das ECC, kurz für EWHA Campus Center. Als Gebäude lässt sich dieses kaum beschreiben, es handelt es sich nämlich um eine in die Länge gezogene Grube. An zwei Enden ist diese über eine Rampe respektive eine Treppe zugänglich; auf den Seiten erheben sich senkrechte Wände aus Glas. Dahinter finden sich Büro- und Seminarräume, die Lesesäle mit mehr als 1.000 Plätzen, aber auch einige unverhoffte Einrichtungen. Dazu zählen mehrere Restaurants und Cafés (inklusive Starbucks), ein Kino und ein Fitnesscenter, Bank-Fiale und Copy-Shop, ein Supermarkt sowie eine Buchhandlung. Damit stellt das ECC tatsächlich einen Mittelpunkt für den Campus dar und bringt Studierende unabhängig von ihrer Fachrichtung zusammen. Im Winter bietet es mit seinem warmen Licht, den Sofas und Sesseln ein wenig Zuflucht vor der Kälte. Im Sommer lädt es ein mit seinen hellen Räumen, der sonnigen Treppe sowie den Parkanlagen auf dem Dach.

Allerdings besteht die EWHA nicht nur aus futuristischen Glasbauten. Einige der Gebäude wurden bereits vor Jahrzehnten errichtet, das Alter hat ihnen aber eher Charme als Hässlichkeit verliehen. Bestes Beispiel ist der Hakkwan, eine Bruchbude aus den jungen Jahren der Universität, die Seminarräume beherbergt und einzig aus Gründen der Nostalgie noch nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde. Im Sommer ist es darin heiß, im Winter kalt, und wer sich nicht auskennt, reißt sich ob der Architektur die Haare aus. Betritt man das Gebäude am oberen Ende, findet man sich im dritten Stock wieder, von wo Treppen zum ersten und fünften Geschoss führen. Letzteres ist indes eine langgezogene Treppe, der zweite Stock existiert daher nur in einem Drittel des Hakkwan. Indes gibt es einen Durchgang vom dritten in den fünften Stock, der allerdings durch eine Frauentoilette führt. Das stille Örtchen für das andere Geschlecht findet sich hingegen in keinem Geschoss: Die Männertoiletten sind auf halbem Wege zwischen Stockwerken.

Beschwerden über den Hakkwan, andere Gebäude oder das Gelände sind dennoch eine Seltenheit. Einzige Ausnahme ist, was unter der Universität liegt und gemeinhin als „Mount EWHA“ bekannt ist. Der gesamte Campus liegt auf einem Hügel, vom Haupttor aus winden sich daher zwei Straßen in Serpentinen nach oben. Der Gang von A nach B führt daher zumeist den Berg hinauf oder hinab, und wenn im Winter das Eis auf den Wegen liegt, kapitulieren auch die Shuttle-Busse vor der Steigung. Zu leiden haben darunter Jura- und Biologie-Studentinnen, denn deren Anlaufpunkte liegen einige Höhenmeter über dem Eingang des Campus, sowie die Bewohner des Hanwoori-Wohnheims. Nicht nur schließt das Gebäude jeden Abend um elf Uhr seine Türen, auch markiert es den höchsten Punkt der Universität. Zum Ausgleich gewähren die Fenster den Ausblick über Seoul, der erste an den Bergen auf der anderen Seite der Stadt endet. Noch härter trifft es einzig die Maschinenbauer, denn deren Fakultät liegt auf der anderen Seite des Berges.

Internationale Studierende bekommen davon nur wenig zu spüren: Das Samsung International House liegt am unteren Ende der EWHA und zwei Minuten vom Haupttor. Für Ausflüge in die Stadt ist das der optimale Ausgangspunkt, denn fast jede Ecke von Seoul ist ohne viel Zeitverlust oder Umsteigen zu erreichen. Selbst wer Mitten in der Nacht aus einem Karaoke-Raum in Sinchon oder einer Bar in Hongdae, einem Club in Gangnam oder der Dampfsauna in Jongsan fällt, schafft es per U-Bahn, Taxi oder zu Fuß innerhalb einer halben Stunde zurück nach Hause. Und steht man in den Morgenstunden am Haupttor, versucht dem Sicherheitsmann zu erklären, dass man auf dem Campus lebt, und sieht die ersten Sonnenstrahlen das ECC fluten, zeigt sich eine weitere Qualität des Campus: Er sieht toll aus. Die Lage am Hang, die Architektur und die eingestreuten Parkanlagen tragen ihren Teil dazu bei, dass die EWHA nicht nur zu einer praktischen, sondern auch hübschen Heimat für ein Jahr geworden ist.

Am hinteren Tor der EWHA liegt ein Bahnhof, und steigt man hier in Zug, dauert es eine knappe Stunde und einigen Minuten mit dem Bus, bis man Odusan erreicht. Der Name bezeichnet ein mehrstöckiges Gebäude, das über der Kreuzung zweier Flüsse und auf einem bewaldeten Hügel thront. Im Inneren finden sich ein Museum sowie ein Souvenirladen, und auf dem Dach stehen Fernrohre. Schaut man durch diese, schweift der Blick über eine Autobahn und Grenzbefestigungen, dann über den Fluss Imjin, ein weiteres Mal über Stacheldraht und Wachtürme – und schließlich nach Nordkorea. An diesem Punkt liegen nur wenige hundert Meter zwischen den beiden Staaten, besser bekannt als die entmilitarisierte Zone (oder DMZ). Seit dem Koreakrieg teilt der vier Kilometer breite Streifen die Halbinsel; in seiner Mitte verläuft die Grenze zwischen den beiden Staaten. Betreten werden dürfen weite Teile des Gebietes von keiner Seite, seit dem Ende der Kampfhandlungen hat sich daher unberührte Natur dort ausbreiten können. Dahinter: Eine andere Welt.

Dabei besticht der erste Eindruck von Nordkorea mit seiner Banalität: Keine verbrannte Erde, kein asiatisches Mordor, nur eine Landschaft in Grün- und Brauntönen, die sich nicht von jener auf der anderen Seite unterscheidet. Erst die Erklärungen in Odusan machen die Unterschiede deutlich. Im Süden verläuft eine Autobahn an der Grenze, im Norden sind einzig Feldwege zu erkennen. Dazwischen liegen Felder und stehen einfache Häuser, deren Bewohner sich mit der Landwirtschaft durchschlagen. Waren und Lasten werden auf dem Rücken von Menschen und Tieren transportiert, denn selbst wenn Fahrzeuge vorhanden wären, würde der Treibstoff für ihren Betrieb fehlen. Auch von Stromleitungen fehlt jede Spur, und um die Heime zumindest beheizen zu können, wurden sämtliche Bäume um die Siedlung gefällt. Daneben hat das Fehlen von Vegetation einen zweiten Grund: Es ermöglicht freies Sicht- und Schussfeld auf Flüchtlinge, die bei Ebbe durch das Flussbett nach Südkorea entkommen wollen.

Einige Kilometer weiter ermöglichen Touren diesen Schritt: Den Ausflug in die entmilitarisierte Zone. Der Name täuscht, es handelt sich nämlich um eine der am besten bewachten Grenzen der Welt, und so geht es vorbei an Panzersperren, Stacheldraht und verminten Landstrichen in militärisches Sperrgebiet. Ziel ist die Joint Security Area, ein von den Vereinten Nationen überwachtes Areal – sowie der einzige Punkt, an dem Nord- und Südkorea aufeinander treffen und daher in der Vergangenheit direkte Treffen stattfanden. Führer wie auch Soldaten machen dabei deutlich, dass der Spaß ein schnelles Ende finden kann: Wo gestanden, gelaufen und hingeschaut werden darf, ist klar vorgeschrieben. Außer einer Kamera sind keine Gegenstände erlaubt, selbst hinter Regenschirmen könnte man im Norden schließlich eine Waffe vermuten. Auch ist ordentliche Kleidung vorgeschrieben, und da im Notfall die Beine in die Hand genommen werden müssen, ist festes Schuhwerk ebenfalls Pflicht.

Zusammen mit bewaffneter Begleitung führt der Weg aus einer Militärbasis nach Panmunjeon, einer Ansammlung von Gebäuden auf der Grenzlinie. Auf dem Weg dorthin ist das Fotografieren nur an ausgewiesenen Orten erlaubt und sind die bizarren Auswüchse der politischen Situation zu erkennen. Beide Staaten haben jeweils eine zivile Siedlung in der demilitarisierten Zone aufgebaut, wo Landwirtschaft unter militärischer Bewachung betrieben wird. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen mit Toten, heute beschränkt man sich auf das Zuschaustellen der eigenen Überlegenheit. Beide Dörfer haben daher einen riesigen Flaggenmast – jener im Norden misst 160 Meter und gilt als weltweit höchster. Wieder einige hundert Meter weiter findet sich die „Bridge of no Return“, welche beide Staaten verbindet und ein trauriges Mahnmal des Kalten Krieges ist. Heute handelt es sich um eine verwahrloste Holzbrücke; vor Jahrzehnten wurden hier tausende Kriegsgefangene vor die Wahl gestellt, in welchem Land sie leben möchten. Eine Rückkehr war ausgeschlossen.

Panmunjeon selbst scheint in seiner Absurdität aus einer anderen Welt zu stammen. Im Zentrum des Geländes befindet sich ein Platz, durch dessen Mitte keine Mauer, kein Zaun, nur eine Linie verläuft, welche die Grenze zwischen beiden Staaten markiert. Dieser zugewandt stehen im Süden einige Soldaten: Ihre Körper befinden sich zur Hälfte hinter einer Wand, um kein großes Ziel zu bieten, und im Gesicht haben sie große Sonnenbrillen, damit ihre Blicke die Gegenseite nicht provozieren können. Im Norden ist zumeist nur ein einziger Soldat zu sehen, der ebenfalls über die Grenze blickt und bei Zeiten mit einem Fernglas die Reisegruppen betrachtet. Für diese ist eine Annäherung wie auch der Fingerzeig verboten, es dürfen aber Fotos gemacht werden. Als Teilnehmer steht man somit in einer Reihe mit dreißig anderen Zivilisten und hat exakt zwei Minuten, um Bilder zu schießen von einer Situation, die erst durch den politischen Kontext einen Sinn ergibt. Ohne diesen wirkt das tagtägliche Spektakel an der Grenze beim besten Willen bizarr.

Diese Erfahrung machen jedes Jahr über 100.000 Besucher der Joint Security Area. Der Waffenstillstand zwischen Nord- und Südkorea wurde längst zu einer Institution und hat eine Industrie hervorgebracht, die ein wenig Nervenkitzel und den Kontakt zum Reich des Bösen verkauft. Den Höhepunkt des Ausfluges nach Panmunjeon markiert daher das Betreten einer der Holzhütten, die auf der Grenze und neben den Soldaten errichtet wurden. Bis in die 1990er-Jahre fanden hier Verhandlungen der beiden Staaten statt, im Zentrum steht daher ein Tisch mit einem Mikrophon in der Mitte. Über die Einrichtung wachen zwei Militärpolizisten aus Südkorea, die ohne ein Zucken und ohne einen Laut ihren Dienst verrichten – und sich daher mit zahllosen Touristen ablichten lassen müssen. Der eigentliche Reiz des Raumes ist allerdings von einfacher Natur. Durchquert man ihn, überschreitet man auch die Grenze und kann von sich behaupten, einige Minuten und drei oder vier Meter weit in Nordkorea gewesen zu sein.

Nachtrag: Heute wurde der Tod von Kim Jong Il, dem Machthaber in Nordkorea verkündet. Laut Pressemeldungen ist er bereits am Samstag gestorben. Am selben Tag nahm ich an einer Tour in die DMZ teil, welcher auf Grund von Sicherheitsbedenken beinahe nicht über das Tor der Militärbasis davor hinausgekommen wäre. Letztlich wurden wir dennoch in die entmilitarisierte Zone und nach Panmunjeon gebracht – wo ich die paar Schritte über die Grenze tun konnte. Ironie des Schicksals: Ich war am Todestag von Kim Jong Il in Nordkorea. Ein bisschen zumindest.

Seoul ist von Bergen umgeben, und seit vier Jahrhunderten verläuft die alte Stadtmauer über diese. Der Natur und der Ausblicke wegen ist sie beliebt als Wandergebiet, doch der nördliche Teil der Anlage hält einen besonderen Pfad bereit. Auf der einen Seite wird er begrenzt durch drei Reihen von Zäunen aus Stacheldraht, auf der anderen durch Bewegungsmelder; dazwischen reihen sich die Kameratürme aneinander. In Sichtweite voneinander stehen Soldaten in Sportkleidung, und wer den Weg verlässt, auf die Mauer klettert oder ein Foto schießt, macht Bekanntschaft mit diesen. Der Grund dafür liegt versteckt hinter dem größten Palast der Stadt und am Fuß der Bergkette: Das blaue Haus, der Amtssitz und die Residenz des koreanischen Präsidenten. Vor vier Jahrzehnten versuchte eine Gruppe nordkoreanischer Spione, das Gelände zu infiltrieren und konnte erst wenige Meter vor dem Gebäude aufgehalten werden. Dieser Schock hallt nach – und macht den Wanderweg zu einem der wenigen Orte in Seoul, an denen die Gefahr aus dem Norden zu spüren ist.

Diese Bedrohung dominiert die deutsche Wahrnehmung, in der Südkorea ein Krisengebiet und stets in seiner Existenz bedroht ist. Natürlich: Offiziell befinden sich die beiden Staaten auf der Halbinsel nach wie vor im Krieg, die aktuelle Situation ist das Resultat eines Waffenstillstandes. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen, wie der Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes im März 2010 sowie der Attacke auf eine Insel im Grenzgebiet wenige Monate später. Daneben ist Nordkorea im Besitz von Atomwaffen, was international als Bedrohung für die gesamte Region erachtet wird. Die südkoreanische Hauptstadt ist das Faustpfand in diesem Konflikt, denn auf Seoul sind etwa dreihundert Artillerie-Geschütze gerichtet. Die Folgen einer politischen und militärischen Eskalation der Lage sind daher abzusehen. Und doch gleicht das Leben in der Metropole dem Alltag in anderen Großstädten, denn ihre Einwohner begegnen dieser Situation mit Pragmatismus, Desinteresse und Gewohnheit.

Bringe ich die Angelegenheit nicht explizit auf den Tisch, spielt sie in Gesprächen mit koreanischen Freundinnen keine Rolle. Auch die Politik-Studentinnen an der EWHA wählen meist andere Schwerpunkte, mögen Nordost-Asien als Region und die Nachbarschaft ihres Landes auch viel Beachtung erfahren. Das Resultat zeigt sich in einem Kurs zu den internationalen Beziehungen von Nordkorea: Fünf Einheimische sitzen zwischen dreißig Austauschstudierenden. Der Konflikt auf der Halbinsel ist eine Konstante, die seit einem halben Jahrhundert in der Luft liegt, die für den Alltag kaum eine Rolle spielt, mit der die Koreaner aufgewachsen sind. Selbst wenn das Thema zur Sprache kommt, gibt es nicht viel zu sagen, denn es ist wie es ist, wie es seit Jahrzehnten war, und wie es für die absehbare Zukunft sein wird. Die Zwischenfälle des vergangenen Jahres, die Meldungen über Flüchtlinge und das Gedenken an den Koreakrieg halten die Gewissheit über die Lage am Leben, in einer schnelllebigen und lauten Welt gelingt dies aber nur für kurze Momente.

Von Relevanz sind die Beziehung zum und die Bedrohung durch den Nachbar vor allem auf Seiten der Politik – und außerhalb einer Frauenuniversität. Nordkorea hat eine der größten Armeen der Welt, im Süden hält man mehr als 500.000 Soldaten unter Waffen. Junge Männer werden daher für zwei Jahre zum Wehrdienst eingezogen: Ausnahmen gibt es kaum, Ausgang nur selten, Internet gar nicht. Für so manchen Star aus Film und Musik hat dieser Schritt das Ende der Karriere bedeutet – und viele Beziehungen auf eine harte Probe gestellt, denn die Rekruten dürfen ihre Kaserne oft über Monate nicht verlassen. Für Korea gehört militärische Absicherung zur Staatsräson, der Umgang mit Nordkorea, mit Atomprogramm und Provokationen, mit humanitärer Hilfe und wirtschaftlicher Zusammenarbeit gehört aber zu den großen Kontroversen der Politik in Seoul. Vor zehn Jahren bekam mit Kim Dae-jung der damalige Präsident einen Nobelpreis für seine Sonnenscheinpolitik, für den Dialog und die Annäherung; die aktuelle Regierung unter Lee Myung-bak fährt eine ungleich härtere Linie.

Was die Zukunft bereit hält, hängt von den Wahlen im kommenden Jahr ab. Anders als im Ausland angenommen wird, drehen sich der öffentliche und politische Diskurs allerdings nicht nur um den Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Eng damit verwoben sind entfernte Möglichkeit einer Vereinigung der beiden Staaten und die Frage, wie dieser Prozess gestaltet und finanziert werden könnte. Ob diese Gedanken je von Relevanz sein werden, wie es um das Regime im Norden und dessen Stabilität bestellt ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sollte Nordkorea kollabieren, könnte sich der Süden aber mit einer Aufgabe konfrontiert sehen, welche die deutsche Wiedervereinigung einfach erscheinen lässt, mit der Integration eines politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungslandes. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist der Wiedervereinigung ein eigenes Ministerium in Seoul gewidmet; aktuell steht der Vorschlag im Raum, zu diesem Zweck eine neue Steuer einzuführen, um ein Finanzpolster für den Ernstfall anzulegen.

In dieser Hinsicht herrscht Einigkeit auf der Halbinsel, denn zumindest auf dem Papier wird die Vereinigung von beiden Staaten angestrebt, wenn auch in unterschiedlicher Gestalt. Im vergangenen Sommer griff Professor Park das Thema in seinem Seminar an der EWHA auf, und da zwei Journalisten aus den Vereinigten Staaten zu Gast waren, befragte er seine Studentinnen dazu. Diese wuchsen in einem geteilten Korea auf, kennen einzig Drohungen und Provokationen aus dem Norden und blicken in eine Zukunft, in der sie sich auf einem harten Arbeitsmarkt bewähren müssen. Ihre Antworten waren daher einhellig: Die Koreaner im Norden wie im Süden gehören zusammen, sie sind ein Volk. Für die Wiedervereinigung sprach sich dennoch keine der Anwesenden aus, zu wenig verbindet die beiden Länder miteinander, zu groß wären die Kosten für Südkorea. Die Austauschstudierenden waren verwundert, die Journalisten machten eifrig Notizen, und Professor Park stand die Schamesröte im Gesicht.